Gefühl der Einsamkeit – ein früher Vorbote der Altersdemenz

Noch vor den ersten Symptomen einer kognitiven Störung sammeln sich im Gehirn bereits die für Alzheimer typischen Amyloid-Eiweißstoffe an, was offenbar auch die Empfindung sozialer Isolation auslöst
Einsamkeit im Alter ist mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko verbunden.
Einsamkeit im Alter ist mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko verbunden.
© isakarakus / pixabay.com, CC0 1.0 Universell (CC0 1.0), https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de
Boston (USA) - Wer im Alter unter sozialer Isolation leidet, hat ein erhöhtes Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Über diesen rein statistischen Zusammenhang hinaus konnten jetzt amerikanische Mediziner eine ganz konkrete Verbindung zwischen häufigen Gefühlen von Einsamkeit und dem Vorstadium der Demenz nachweisen: Alte Menschen, bei denen trotz normaler Gedächtnisleistung bereits größere Mengen des für Alzheimer typischen Amyloid-Eiweißstoffs im Gehirn erkennbar waren, fühlten sich öfter einsam als Amyloid-negative Vergleichspersonen. Demnach könnte das Gefühl sozialer Isolation durch dieselben krankhaften Veränderungen im Gehirn ausgelöst werden, die auch ein frühes Symptom der Alzheimer-Demenz sind, berichten die Forscher im Fachblatt „JAMA Psychiatry“. Dieser Befund wäre möglicherweise für die Früherkennung der Krankheit von Bedeutung.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einsamkeit als neuropsychiatrisches Symptom für das Frühstadium der Alzheimer-Demenz relevant ist“, erklären Nancy Donovan und ihre Kollegen vom Brigham and Women’s Hospital in Boston. An ihrer Studie beteiligten sich 79 Männer und Frauen im Alter zwischen 65 und 90 Jahren, bei denen es keine Anzeichen von Demenz oder einer psychischen Störung gab. Mit Hilfe einer speziellen Form der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) machten die Forscher Ansammlungen von Amyloiden in der Großhirnrinde sichtbar. Größere Ablagerungen dieser Eiweißstoffe sind ein typisches Merkmal der Alzheimer-Krankheit. Die Beantwortung von Fragen eines psychologischen Tests lieferte ein Maß für das empfundene Gefühl von Einsamkeit. Dabei ergab sich für sämtliche Probanden ein Durchschnittswert von 5,3 auf einer Skala von 3 bis 12. Zusätzlich überprüften die Mediziner Anzeichen von Depressionen und Angststörungen und ermittelten Träger des sogenannten ApoE4-Gens, die generell ein erhöhtes Alzheimer-Risiko haben.

Bei 25 Teilnehmern wurden Amyloide im Gehirn entdeckt, 22 Personen waren durch das ApoE4-Gen genetisch vorbelastet und 15 Probanden litten stark unter Einsamkeit. Dieses Gefühl trat bei den Amyloid-positiven Menschen deutlich häufiger auf als bei den anderen. Der Zusammenhang war bei den Trägern des ApoE4-Gens stärker ausgeprägt. Für die Amyloid-positiven Personen erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit, unter Einsamkeit zu leiden, um den Faktor 7,5 im Vergleich zu den Amyloid-negativen. Ob die Ergebnisse generell auf alle älteren Menschen übertragbar sind, muss noch überprüft werden. Die Teilnehmer dieser Studie hatten meist einen hohen Bildungsstand und waren in überdurchschnittlich guter geistiger und körperlicher Verfassung.

Die Untersuchung zeigt, dass individuell empfundene Einsamkeit ein Symptom einer beginnenden Amyloid-Ablagerung sein könnte. Es sei nach Ansicht der Autoren auch nicht auszuschließen, dass die Erfahrung sozialer Isolation die krankhaften Ablagerungen beschleunigt. Weitere Studien könnten einerseits dazu beitragen, die biochemischen Mechanismen zu verstehen, durch die Einsamkeitsgefühle entstehen. Andererseits könnten sie helfen, die Alzheimer-Demenz früher als bisher zu diagnostizieren und so die Erfolgsaussichten neuer Behandlungsformen zu verbessern.

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