Fickende Frösche machen die Rückengrätsche

Ein Frosch aus Bombay treibt es anders als alle anderen und entlässt seinen Samen auf den Rücken des Weibchen, noch bevor dieses die Eier legt
Die Rückengrätsche
Die Rückengrätsche
© S.D. Biju
Delhi (Indien) - Zu früh gekommen? Macht nichts! Zumindest nicht bei einem indischen Frosch, denn bei ihm ist zu früh genau richtig: Männchen der Art Nyctibatrachus humayuni verzichten auf die für Frösche typische Paarungsumarmung. Stattdessen geben sie ihren Samen einfach auf den Rücken des Weibchens ab und lassen es dann wieder alleine. Erst danach legen die Weibchen ihre Eier und die werden vom Samen des Männchens befruchtet, der Rücken und Hinterbeine hinunter rinnt. Diese ungewöhnliche Form des Geschlechtsaktes haben indische Biologen bei der nachtaktiven Froschart beobachtet. Die Befruchtung läuft somit anders ab als bei anderen Froschlurchen, berichten sie im Fachblatt „PeerJ”. Obwohl bei Fröschen, Kröten und Unken sechs unterschiedliche Formen des Geschlechtsakts definiert sind, war diese Art der Begattung noch von keiner anderen Spezies bekannt. Die neu definierte siebte Form haben die Forscher mit dem Begriff „dorsal straddle” bezeichnet, zu deutsch Rückengrätsche.

„Das ist ein bemerkenswerter Frosch mit einem noch nie da gewesenen Reproduktionsverhalten, das aus einer Reihe von Gründen einzigartig ist”, sagt Sathyabhama Das Biju von der Universität Delhi. „Diese Entdeckung ist grundlegend, um die evolutionäre Ökologie und Biologie der Froschlurche zu verstehen.” In den Regenwäldern der Westghats, einem Gebirge im Westen Indiens, hatten Biju und seine Kollegen Amphibien in freier Wildbahn beobachtet. Während der Regenzeit in den Jahren 2010 bis 2012 studierten die Biologen das Verhalten der Tiere, über einen Zeitraum von 40 Nächten in einem relativ großen Gebiet von etwa 250 mal 30 Metern. Der so genannte Amplexus, lateinisch für Umarmung, ist eine typische Verhaltensweise beim Paarungsakt von Froschlurchen. Dieser Klammerreflex, bei dem das Männchen das Weibchen umarmt, soll die Befruchtung der Eier sichern, indem Laich- und Spermaabgabe synchronisiert werden.

Bisher waren bei Froschlurchen sechs verschiedene Formen des Amplexus bekannt. Bei N. humayuni, dessen englischer Name „Bombay night frog” lautet, verläuft der Amplexus allerdings anders als bei anderen Arten. Bei der von den Forschern Rückengrätsche getauften Paarung umarmt das Männchen das Weibchen gar nicht. Der Akt verläuft folgendermaßen: Nähert sich eine Froschdame einem rufenden Männchen, setzt sie sich vor es und kriecht rückwärts auf es zu, bis ihre Hinterfüße dessen Kopf berühren. Daraufhin hockt sich das Männchen auf ihren Rücken, hält sich aber weniger an ihr fest, sondern eher an dem Ast oder Blatt, auf dem beide sitzen. Außerdem geschieht die Samenabgabe noch vor der Eiablage, vor der das Männchen den Rücken des Weibchens wieder verlässt. Die Biologen vermuten: Es ejakuliert auf den Rücken und der Samen rinnt zur Befruchtung Rücken und Hinterbeine des Weibchens hinab. Während der Eiablage und der eigentlichen Befruchtung besteht also kein Kontakt mehr zwischen den beiden Geschlechtern. Das Männchen bleibt lediglich in der Nähe sitzen und wartet. Erst nach der Eiablage, wenn das Weibchen die Brutstätte verlassen hat, hockt es sich wieder auf oder neben das Gelege und setzt seine Paarungsrufe fort.

Gleich nach Sonnenuntergang tönen in der Paarungszeit die Rufe von N. humayuni durch die Wälder. Die Froschart lebt hauptsächlich in der Nähe fließender Gewässer. Die Begattung ist nicht das einzige, das den Paarungsakt der Tiere ungewöhnlich macht. Die Biologen haben, neben der neuen Art des Amplexus und der Samenabgabe vor der Eiablage, noch weitere Besonderheiten rund um die Fortpflanzung vorgefunden. So rufen in der Paarungszeit nicht nur die Männchen, sondern auch die Weibchen. Eine absolute Seltenheit, denn bei den meisten Froschlurchen entsenden nur die Männchen lockende Laute. Ein weiblicher Paarungsruf ist von weniger als 0,5 Prozent der Arten bekannt. Außerdem beobachteten die Biologen noch Territorialkämpfe zwischen den Männchen, was N. humayuni ebenfalls zu etwas Besonderem macht.

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