Evolution: Ernährung beeinflusste die Hirngröße der Primaten mehr als soziale Beziehungen

Primaten, die ausschließlich Blätter fressen, haben im Vergleich zur Körpergröße kleinere Gehirne als andere Primatenarten, die sich überwiegend von Früchten ernähren
Früchte fressende Primaten wie Schimpansen haben ein relativ großes Gehirn.
Früchte fressende Primaten wie Schimpansen haben ein relativ großes Gehirn.
© James Higham
New York (USA) - Allein an der Ernährung lässt sich ablesen, wie groß das Gehirn einer Primatenart ist. Besteht die Nahrung nur aus Blättern, ist der Anteil des Gehirns am Körpergewicht geringer als bei Arten, die sich von kalorienreicheren Früchten ernähren. Das ergab die Auswertung der Daten von mehr als 140 Primatenarten, wie amerikanische Biologen im Fachblatt „Nature Ecology and Evolution“ berichten. Ihre Ergebnisse stellen die vorherrschende „Theorie des sozialen Gehirns“ in Frage. Diese erklärt die starke Vergrößerung des Gehirns während der Evolution des Menschen mit dem Vorteil komplexer sozialer Beziehungen, die höhere Denkleistungen verlangen. Doch einen solchen Zusammenhang zwischen relativer Hirngröße und Gruppengröße oder anderen Merkmalen der Sozialstruktur von Primaten lieferten die jetzt analysierten Daten nicht.

„Komplexe Strategien des Nahrungserwerbs, Sozialstrukturen und kognitive Fähigkeiten haben sich wahrscheinlich während der Evolution der Primaten parallel entwickelt“, sagt Alex DeCasien von der New York University. „Doch welcher Faktor – Ernährung oder soziale Beziehungen – ist wichtiger, wenn es um die Hirngröße einer Primatenart geht? Unsere Arbeit lässt darauf schließen, dass es die Ernährung ist.“ Einerseits sind Früchte im Vergleich zu Blättern ein energiereicheres und daher vorteilhafteres Nahrungsmittel als Blätter. Andererseits stellt die Nutzung dieser Nahrungsquelle höhere Anforderungen an die Denkleistung als das Blätterfressen: Man muss wissen, wo die entsprechenden Bäume und Sträucher wachsen, wann die Früchte reif sind, wie man sie pflückt und wie eventuell vorhandene Schalen entfernt werden. Der Vorteil, sich von kalorienreichen Früchten zu ernähren, könnte demnach einen Selektionsdruck erzeugt haben, der zur Evolution größerer Gehirne geführt hat.

Das Forscherteam nutzte sämtliche verfügbaren Daten über Hirngröße und Lebensweise von mehr als 140 Arten von Primaten. Als Maß für die Komplexität der Sozialstruktur dienten Gruppengröße, System der Rangordnungen und Paarungsverhalten. Bei der Ernährung wurde zwischen reiner Blätter- oder reiner Früchtekost, einer Mischkost aus Blättern und Früchten sowie einem zusätzlichen Fleischverzehr unterschieden. Unter Berücksichtigung des jeweiligen Körpergewichts ergab sich für die Früchte fressenden Spezies eine um 25 Prozent höhere Hirnmasse als für die Blätterfresser. Etwas weniger ausgeprägt war dieser Unterschied auch zwischen Blätterfressern und Allesfressern. Dagegen fanden die Forscher keinerlei Zusammenhang zwischen dem Hirnvolumen und der Größe der Gruppe, in der eine Primatenart lebte, oder anderen Merkmalen der Sozialstruktur. Das steht im Gegensatz zur „Theorie des sozialen Gehirns“, wonach vor allem das immer komplexer werdende Sozialleben als treibende Kraft für die Evolution kognitiver Fähigkeiten wirksam gewesen sein soll.

Für die Vorfahren des Menschen war es also vorteilhaft, ihre Ernährung von Blättern auf Früchte umzustellen. Deren höherer Kaloriengehalt unterstützte die dazu notwendige Weiterentwicklung des Denkvermögens. Bei den frühen Menschen erweiterte sich das Nahrungsspektrum noch mehr durch die Nutzung von Knollen und den vermehrten Verzehr von Fleisch. Das war wiederum mit dem Gebrauch von Werkzeugen und Verarbeitungstechniken wie Braten und Kochen verbunden, wozu eine weitere Vergrößerung des Gehirns von Vorteil war. Diese Entwicklungsprozesse gingen mit verbesserten sozialen Fähigkeiten einher, die kooperatives Verhalten und den Zusammenhalt der Gruppe verstärkten und die Grundlage zur Evolution des Homo sapiens schufen.

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