Erblindung - Sport kann Netzhaut schützen

Studie mit Mäusen legt nahe: Ausdauertraining könnte Fortschreiten bestimmter Retinaerkrankungen bremsen
Mäßiges Ausdauertraining könnte helfen, das Fortschreiten einer Makuladegeneration zu verlangsamen.
Mäßiges Ausdauertraining könnte helfen, das Fortschreiten einer Makuladegeneration zu verlangsamen.
© Shutterstock, Bild 119949211
Atlanta (USA) - Bei schwerwiegenden degenerativen Augenerkrankungen wie Makuladegeneration kann mäßig anstrengender Sport den Verlauf womöglich verlangsamen. Das legt eine Studie mit Mäusen nahe, deren Netzhaut durch helles Licht geschädigt worden war. Bei denjenigen Nagern, die täglich eine Stunde bei moderatem Tempo auf einem Laufband liefen, blieben Struktur und Funktion der Retina besser erhalten als bei Artgenossen, die sich nicht körperlich betätigten. Sogenanntes aerobes Ausdauertraining könne demnach einen Schutzeffekt bei der Degeneration der Netzhaut haben, berichten US-amerikanische Mediziner im „Journal of Neuroscience“.

„Dies ist der erste Befund dazu, dass simple Bewegung einen unmittelbaren Effekt auf die Gesundheit von Retina und Sehkraft hat“, erläutert Machelle Pardue von der Emory University School of Medicine. „Diese Forschungsarbeit könnte eines Tages zu maßgeschneiderten Trainingsplänen oder Kombinationstherapien für die Behandlung von Krankheiten führen, bei denen eine Erblindung droht.“ Es existieren zwar bereits einige Studienergebnisse, die eine positive Wirkung von körperlicher Betätigung bei Verletzungen und neurodegenerativen Erkrankungen zeigen – sowohl im Tierversuch als auch beim Menschen. Über einen vergleichbaren Schutzeffekt bei den Nervenzellen der Netzhaut und dementsprechend beim Sehvermögen war bislang allerdings wenig bekannt. Daher wollten Pardue und ihre Kollegen möglichen Zusammenhängen auf den Grund gehen.

Dazu hatten die Mediziner Mäusen beigebracht, fünf Tage pro Woche jeweils eine Stunde täglich bei einem Tempo von 10 Metern in der Minute auf einem Laufband zu laufen. Nach einer zweiwöchigen Trainingsphase setzten sie die Tiere vier Stunden lang gefährlich grellem Licht aus – eine Behandlung, die eine fortschreitende Schädigung der Netzhaut nach sich zieht und daher im Tierversuch als Modell für Erkrankungen dient, bei denen die Retina degeneriert. Während ein Teil der Mäuse in den folgenden zwei Wochen weiter auf dem Laufband trainierte, blieben die Nager der Kontrollgruppe die jeweilige Stunde auf einem stehenden Laufband. Nach Ablauf der zwei Wochen untersuchten die Forscher die Netzhautfunktion der Tiere und wie viele Lichtsinneszellen irreparabel geschädigt worden waren – also wie sehr das Licht die Netzhaut geschädigt hatte.

Sie stellten fest: Die Bewegung schien die schädlichen Auswirkungen des Lichts abzumildern. In Folge der Lichtprozedur gingen bei denjenigen Mäusen, die danach zwei weitere Wochen sportlich unterwegs gewesen waren, nur halb so viele Photorezeptoren in der Netzhaut verloren als bei Artgenossen, die die tägliche Trainingsstunde auf dem stillstehenden Laufband verbracht hatten. Das Licht führte normalerweise dazu, dass 75 Prozent der Retinafunktion und der Zahl der Photorezeptoren verloren gingen. Bei den trainierten Mäusen aber waren Funktion sowie Anzahl der Sinnesnervenzellen doppelt so hoch. Die Forscher konnten auch einen Mechanismus ausmachen, der entscheidend an diesem Schutzeffekt beteiligt sein muss. Das Training erhöhte die Menge eines Proteins in der Netzhaut um 20 Prozent: die des Wachstumsfaktors BDNF. Blockierten Pardue und Kollegen aber die Signalwege von BDNF, hob das denn Schutzeffekt durch das Training wieder auf. „Diese Ergebnisse bringen unser aktuelles Verständnis über die neuroprotektiven Effekte aeroben Ausdauertrainings voran und über die Rolle, die BDNF dabei spielt“, kommentiert Michelle Ploughman von der Memorial University of Newfoundland die Studie von Pardue und deren Kollegen. „Wer ein Risiko für Makuladegeneration oder bereits erste Anzeichen der Krankheit hat", so die Forscherin, die sich in ihrer Forschung mit den Auswirkungen von körperlichem Training auf das Gehirn beschäftigt, "könnte in der Lage sein, das Fortschreiten des nachlassenden Sehvermögens zu verlangsamen.“

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