Auch Blinde erkennen die Körpergröße an der Stimme

Offenbar ist kein Lernen mit Hilfe des Sehens nötig, um von der Stimmlage auf die Größe eines Mannes schließen zu können
Auch von Geburt an Blinde sind in der Lage, von der Stimme eines Menschen auf dessen Körpergröße zu schließen.
Auch von Geburt an Blinde sind in der Lage, von der Stimme eines Menschen auf dessen Körpergröße zu schließen.
© Shutterstock, Bild 339819980
Breslau (Polen) - Allein am Klang der Stimmen kann der Mensch erkennen, welche von zwei Personen die größere ist. Bisher ist aber nicht bekannt, ob diese Fähigkeit angeboren ist oder ob und wie sie erlernt wird. Polnische Psychologinnen haben jetzt festgestellt, dass auch von Geburt an blinde Menschen in der Lage sind, von der Stimme eines Mannes auf dessen relative Körpergröße zu schließen. Im Lauf der menschlichen Evolution hatte es sich wahrscheinlich als vorteilhaft erwiesen, besonders große – und damit auch dominante – Männer bereits an der Art ihrer Lautäußerungen zu erkennen. Diese Fähigkeit ist offenbar nicht von Lernprozessen abhängig, die den Sehsinn voraussetzen, und könnte zum großen Teil auf genetischen Merkmalen beruhen, berichten die Forscherinnen im Fachblatt „Biology Letters”.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass vorherige visuelle Erfahrungen nicht nötig sind, um die Körpergröße eines anderen zuverlässig einzuschätzen“, schreiben Katarzyna Pisanski und ihre Kolleginnen von der Universität Breslau. Man muss als Kind also nicht erst durch den gleichzeitigen Einsatz von Augen und Ohren lernen, dass große Männer tiefere Laute von sich geben als kleinere. Aber auch die Vermutung, dass Blinde aufgrund eines besseren Gehörs die relative Größe eines Mannes besser beurteilen könnten als Sehende, hat sich nicht bestätigt. Zwar schneiden Blinde besser ab, wenn es um die Lokalisierung von Geräuschen geht. Bei der Stimmerkennung oder eben der akustischen Einschätzung der Körpergröße ist das aber nicht der Fall.

An der Studie beteiligten sich 91 Männer und Frauen im Alter von 20 bis 65 Jahren mit normalem Hörsinn. Davon war etwa ein Drittel von Geburt an blind oder noch vor dem zweiten Lebensjahr erblindet. Vierzig Personen hatten erst später ihr Augenlicht verloren, 23 dienten als Kontrollen mit intaktem Sehsinn. Die Forscherinnen zeichneten von 30 Männern gesprochene Vokale auf und spielten nacheinander jeweils zwei dieser Aufnahmen in gleicher Lautstärke über Kopfhörer ab. Die Testpersonen mussten dann eine der beiden Stimmen dem größeren Mann zuordnen. Die Unterschiede in der Körpergröße betrugen zwischen 0 und 21 Zentimeter. Blinde und Sehende erzielten im Schnitt dieselben Trefferquoten. Alter und Geschlecht spielten keine Rolle. Je größer die Differenz der Körpergrößen, desto besser war das Ergebnis. Beim maximalen Größenunterschied trafen 88 Prozent der Befragten die richtige Wahl.

Die Ergebnisse ließen sich zum einen dadurch erklären, dass die Fähigkeit, von der Stimme auf die Größe zu schließen, angeboren ist. Zum anderen könnte der enge Zusammenhang zwischen Stimme und Größe ohne Wahrnehmung optischer Signale erlernt worden sein: So zeigt die Erfahrung, dass große – auch unbelebte – Objekte tiefere Töne hervorbringen als kleine. In einer weiteren Studie soll untersucht werden, ob Blinde und Sehende auch bei der Beurteilung weiblicher Stimmen gleich abschneiden.

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