Angebliche Sexualpheromone des Menschen sind doch keine

Die mit dem Schweiß beziehungsweise dem Urin ausgeschiedenen Steroide Androstadienon und Estratetraenol zeigten in einer Doppelblindstudie nicht die vermutete Wirkung
Körpergeruch spielt bei der Partnerwahl eine Rolle, Pheromone sind dabei möglicherweise nicht beteiligt.
Körpergeruch spielt bei der Partnerwahl eine Rolle, Pheromone sind dabei möglicherweise nicht beteiligt.
© LHOON / Creative-Commons-Lizenz (CC BY-SA 2.0), https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de
Crawley (Australien) - Pheromone sind freigesetzte Geruchsstoffe, die der chemischen Kommunikation zwischen Individuen derselben Art dienen. Sexualpheromone locken Sexualpartner an, signalisieren Paarungsbereitschaft oder steigern die erotische Anziehung. Beim Menschen ist der Körpergeruch bei der Partnerwahl zwar unbestritten von großer Bedeutung. Ob es aber echte menschliche Sexualpheromone gibt, ist nach wie vor nicht bewiesen. Die bisher wahrscheinlichsten Kandidaten sind das von Männern im Schweiß produzierte Androstadienon (AND) und das Estratetraenol (EST) im Urin von Frauen. In einer Doppelblindstudie haben jetzt australische Forscher getestet, ob diese beiden Steroide Menschen bei der Wahrnehmung von Gesichtern des anderen Geschlechts beeinflussen. Dabei konnten sie keine Wirkung nachweisen. Die Existenz anderer, noch unbekannter menschlicher Sexualpheromone sei jedoch nicht auszuschließen, schreiben die Biologen im Fachblatt „Royal Society Open Science“.

„Wenn es menschliche Pheromone gibt, die unser Urteil über Geschlecht, Attraktivität und Untreue beim Blick in das Gesicht beeinflussen, handelt es sich dabei höchstwahrscheinlich nicht um Androstadienon und Estratetraenol“, erklären die Forscher um Leigh Simmons von der University of Western Australia in Crawley. Zwei frühere Studien anderer Wissenschaftler hatten zum einen ergeben, dass Frauen beim Speed-Dating unter dem Einfluss von AND die Attraktivität von Männern höher bewerteten. Zum anderen stimulierte EST das sexuelle Empfinden von Männern bei der Reaktion auf visuelle Signale. Simmons und seine Kollegen versuchten nun, diese Ergebnisse zu bestätigen. Sie untersuchten, ob die beiden Steroide die Wahrnehmung von Gesichtern je nach Geschlecht unterschiedlich verändern. Merkmale des Gesichts spielen beim Beurteilen der Attraktivität eines Menschen eine große Rolle.

In einer ersten Testreihe der neuen Studie betrachteten 46 junge Männer und Frauen Fotos von fünf geschlechtsneutralen Gesichtern, die durch Vermischen von männlichen und weiblichen Porträts erzeugt worden waren. Vor den Nasenlöchern der Testpersonen war ein mit Nelkenöl getränkter Wattebausch angebracht, dem AND oder EST oder keine der beiden Substanzen zugesetzt war. Jeder sollte einschätzen, ob das Gesicht eher weiblich oder männlich war. Wenn die Testsubstanzen als Sexualpheromone wirksam wären, müssten sie diese Einschätzung verändern. Es ergab sich jedoch kein Unterschied zur Kontrolle ohne Testsubstanz. In der zweiten Testreihe wurden den 94 Probanden etwa hundert fotografierte Gesichter von Menschen des jeweils anderen Geschlechts vorgelegt. Die Aufgabe bestand darin, die Attraktivität zu beurteilen sowie eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit sexueller Untreue der porträtierten Person zu machen. Auch dabei lieferte der statistische Vergleich keine Hinweise auf eine Wirksamkeit als Sexualpheromon.

Es gebe zwei mögliche Erklärungen für die Ergebnisse der Studie, schreiben die Biologen. Entweder habe die spezielle Versuchsanordnung einen Wirkungsnachweis verhindert oder die beiden Steroide wirken tatsächlich nicht als Sexualpheromon. Da sowohl die Testpersonen als auch die Forscher während der Testphase nicht wussten, womit die Wattebäusche getränkt waren, konnte ein bei derartigen Experimenten häufiger störender Einflussfaktor ausgeschlossen werden. Die Konzentrationen der eingeatmeten Substanzen entsprachen denen bei anderen Studien und waren höher als die durch natürliche Schweißproduktion erzielten Werte. Die Autoren halten es daher für plausibler, dass AND und EST keine Sexualpheromone sind. Vielleicht hätten die beiden Substanzen andere Signalfunktionen oder seien lediglich Nebenprodukte des Stoffwechsels ohne jede Funktion. Eventuell müssten existierende menschliche Sexualpheromone erst noch entdeckt werden. Es könnte aber auch sein, dass es die beim Menschen gar nicht gibt und die sexuelle Attraktivität auf einer komplexen Kombination verschiedener chemischer und visueller Faktoren beruht. Das wären schlechte Aussichten für die Parfümindustrie.

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