Alt werden ist relativ jung

Erst in jüngster Zeit ist die Lebenserwartung des Menschen stark gestiegen - das zeigen Daten von Menschen und von anderen Primaten aus unterschiedlichen Zeiten
Frauen haben bei allen in die Erhebung einbezogenen Primatenspezies eine höhere Lebenserwartung als Männer.
Frauen haben bei allen in die Erhebung einbezogenen Primatenspezies eine höhere Lebenserwartung als Männer.
© Creative Commons CC0 Public Domain, Gerd Altmann, Freiburg/Deutschland
Durham (USA)/Rostock - Die Lebenserwartung ist heutzutage deutlich höher als noch vor wenigen hundert Jahren. Erst mit der Industrialisierung stieg die Wahrscheinlichkeit, ein höheres Alter zu erreichen, merklich an. Tatsächlich ist das wohl zu einem bedeutsamen Teil auf die Fortschritte der modernen Medizin und eine verbesserte Hygiene zurückzuführen. Insbesondere die Kindersterblichkeit ist deutlich zurückgegangen und trägt somit merklich zu der gestiegenen durchschnittlichen Lebenserwartung bei. Die jüngsten Generationen des Menschen haben einen besonders gewaltigen Sprung gemacht, wenn man die Geschichte der Primaten-Evolution der vergangenen Jahrmillionen betrachtet. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forscherteam, das Daten zur Sterblichkeit von Menschen verschiedener Kulturen und Epochen, Menschenaffen sowie anderen Primaten zusammengetragen und umfassend miteinander verglichen hat. Männer allerdings, das zeigen die im Fachblatt „PNAS” veröffentlichten Analysen ebenfalls, sind bei allen untersuchten Spezies benachteiligt, was die Lebenserwartung angeht: Sie sterben im Schnitt deutlich früher als ihre weiblichen Artgenossen.

„Während der vergangenen paar Hundert Jahre haben wir eine größere Reise bei der Verlängerung unserer Lebensspanne gemacht als zuvor in über Millionen Jahren Evolutionsgeschichte”, sagt Co-Autorin Susan Alberts von der Duke University. Die männliche Benachteiligung habe dabei tiefe evolutionäre Wurzeln. Dies begründen die Forscher damit, dass selbst bei Primatenarten, deren gemeinsame Vorfahren mit dem Menschen vermutlich vor Millionen von Jahren lebten, die Männchen eine kürzere Lebenserwartung haben. „Es ist rätselhaft”, so Alberts. „Wenn wir es doch schaffen, so lange zu leben, warum können wir diese Lücke zwischen Männlich und Weiblich nicht verringern?”

Gemeinsam mit Kollegen aus verschiedenen Ländern, darunter auch Forscher vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, hatte Alberts Daten von Lebenserwartungen unterschiedlichster Primatenarten ausgewertet. Der Datensatz umfasste Angaben von mehr als einer Million Menschen weltweit, aus verschiedensten Kulturen, darunter aus dem heutigen Japan und Schweden, wo viele ein recht hohes Alter erreichen, sowie aus zwei Jäger-Sammler-Populationen aus Tansania und Paraguay. Auch historische Erhebungen aus den Geburts- und Sterberegistern früherer Epochen wie zum Beispiel aus dem 18. Jahrhundert gingen in ihre Berechnungen ein.

Die Analysen zeigen einen deutlichen Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den Menschen aus industrialisierten Gesellschaften und denen aus Gesellschaften, die noch auf vorindustrielle Weise leben beziehungsweise Primaten. Mit der Industrialisierung machte die Lebenserwartung des Menschen einen deutlichen Sprung nach oben – teilweise hat sie sich innerhalb weniger Generationen sogar mehr als verdoppelt. Die Unterschiede in der Lebenserwartung waren dabei größer zwischen Menschen aus industrialisierten Gesellschaften und jenen aus den Jäger-Sammler-Gesellschaften als zwischen Jägern und Sammlern und den anderen Primatenarten. Die Daten verdeutlichen auch: Mit steigender Lebenserwartung wächst auch die Variation der Lebensspanne eines einzelnen im Vergleich zur allgemeinen Lebenserwartung. Das heißt, die Unterschiede in der Lebensspanne zwischen einzelnen Individuen können deutlich höher ausfallen als bei Populationen mit insgesamt geringerer Lebenserwartung.

Dieser Unterschied zwischen Lebenserwartung und Variation der Lebensspanne macht sich besonders stark in Krisenzeiten bemerkbar, in denen viele sehr jung sterben. Während zum Beispiel im Jahre 1933 die durchschnittliche Lebenserwartung einer in der Ukraine geborenen Frau bei nur rund zehn Jahren lag, wurden einzelne durchaus älter als 66. Bei Pavianen dagegen, die eine ähnliche durchschnittliche Lebenserwartung haben, gab es keine Weibchen, die älter als 28 wurden.

Ein Faktor, der die Zahlen maßgeblich beeinflusst, ist die hohe Kindersterblichkeit in früheren Zeiten und unter Jägern und Sammlern sowie bei Primaten. Heutzutage sterben beispielsweise in Schweden nur circa 3 von 1000 Babys sehr früh. Noch vor zwei Jahrhunderten war diese Rate etwa 40mal höher. Und auch bei heutigen Jäger-Sammler-Populationen ebenso wie bei Primaten ist die Kindersterblichkeit vergleichsweise sehr viel höher.

Auch für Männer beziehungsweise Männchen sieht es generell schlechter aus. Sie sterben im Schnitt gesehen immer früher als Frauen beziehungsweise Weibchen – da helfen auch die Errungenschaften der modernen Zivilisation nicht. Ein möglicher Grund dafür könnte in den Genen liegen. Während im weiblichen Erbgut zwei X-Chromosomen vorliegen und das zweite damit mögliche ungünstige Genvarianten des ersten ausgleichen kann, ist im männlichen Erbgut mit einem X- und einem Y-Chromosom dieser Ausgleich nicht möglich. Auch die grundsätzlich höhere Risikobereitschaft, etwa sich auf einen Kampf einzulassen, könnte Männern häufiger zum Verhängnis werden als Frauen.

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